ELIAS

Elias und das Volk

Elias ist ein Politiker, der aussteigt. Als seine Geschichte beginnt, gehört er zur Machtclique von König Ahab, der mit Geschick und Zynismus versucht, Israel zu modernisieren. Teil dieser Reformpolitik ist es, einen anderen religiösen Kult anzunehmen, den des Sonnengottes Baal. Er wird von den Nachbarvölkern verehrt, sodass sozusagen Israels Außenpolitik unkomplizierter wird, wenn es die religiöse Differenz nicht mehr gibt. Die Israeliten müssen dann keine Glaubenskriege mehr führen.

Für die kleine Terror-Einheit der Engel ist das ein schlimmer Irrweg. Sie wollen zurück zur religiösen und kultischen splendid isolation Israels, weil sie glauben, dass sich dieses kleine Volk nur so die Identität erhalten kann, die es im Kampf mit mächtigen Feinden dringend braucht. Die Hungersnot ist ihre Gelegenheit, um die Fehlentwicklungen anzuprangern. Elias kommt ihnen dabei sehr gelegen, sie benutzen seine mediale Begabung. Er ist charismatisch, ein begnadeter Redner und immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, deshalb akzeptiert das Volk seine Autorität. Elias ist ein Visionär, einer, der die Menschen mit seinen Ideen und seinem Auftreten begeistern kann. Solche Menschen kommen auch heute in der Politik immer wieder vor: ein großes politisches Talent, vor allem ein Medien-Talent, aber durch seine Eitelkeit und Dünnhäutigkeit verführbar dazu, sich als Galionsfigur für eine Splittergruppe herzugeben.

Dabei sehe ich diese Figur gar nicht negativ. Elias hat neue Ideen, man hört ihm gerne zu. Seine Radikalität und seine Rücksichtslosigkeit sind beunruhigend, aber er ist kein Zyniker. Er verkauft sich zu keinem Zeitpunkt, er steht für seine Überzeugung ein, auch wenn es ungemütlich wird. Aber wie alle radikalen politischen Führer kann auch er nicht verhindern, dass das Volk wieder in den gewohnten (Konsum-)Trott zurückkehrt, sobald der Spuk der Not und Lebensgefahr vorbei ist. Elias wird das Opfer des eigenen Erfolges. Er hat eine Art Einheitspartei gegründet, der sogar Ahab beigetreten ist. Und weil alle dabei sind, wird die reine Lehre wieder verwässert. Warum auch nicht? Alles läuft gut. Aber wohin mit Elias? Bevor er anfängt zu nerven, lobt man ihn weg. So sehe ich seine Himmelfahrt. Man macht ihn sozusagen zum Ehrenvorsitzenden, der nichts mehr zu sagen hat. Denn eines ist in dieser Geschichte ganz klar: Die Masse hat die Macht, und so hat Mendelssohn es mit seinen mächtigen Chören auch komponiert. Das Volk lässt sich begeistern und manipulieren, aber letztlich hält es immer das Heft in der Hand. Solange einer wie Elias nützlich ist, lässt man ihn machen. Wenn man ihn nicht mehr braucht, muss er weg.

Georg Holzer